Skandinavien im Winter

Silvester in Stockholm

Normalerweise wissen wir Ende Dezember noch nicht genau, wo wir den Jahreswechsel feiern werden. Silvester ist schließlich das Fest der kurzfristigen Entscheidungen. Dieses Mal war es anders. Schon im September trudelte die Einladung einer schwedischen Freundin ein: „Wer feiert mit uns in Stockholm ins neue Jahr hinein?“ Das klang zu verlockend, um zu widerstehen. Wir sagten sofort zu und danach alle weiteren Silvestereinladungen ab.

Und dann standen wir in Stockholm vor dem Airbnb-Haus, in dem wir mit fünf weiteren Familien den Jahreswechsel feiern wollten. Die Straßen waren vereist, über dem Garten lag eine rutschige Schneeschicht, es war dunkel, einige Kerzen säumten den Weg zur Haustür und trotzten dem Wind.

Unser erster Eindruck des schwedischen Winters sollte sich in den kommenden Tagen noch oft bestätigen: Kalt und dunkel war es (um halb drei am Nachmittag ging die Sonne unter), aber wo wir auch hinkamen, leuchteten Kerzen und Lampen in die Nacht hinaus. In gefühlt jedem Fenster stand ein Schwibbogen (diese schönen, dreieckigen Kerzenständer, die auf Schwedisch Adventsljusstake heißen). Lichterketten gab es überall, sogar die Baukräne in Stockholms Zentrum waren damit geschmückt. Das Opernhaus leuchtete abwechselnd in lila, rot und orange. Und durch den Berzelii-Park nördlich der Altstadt und unweit des Fähranlegers Nybrokajen lief eine Herde aus Licht-Elchen. 

Auf ins skandinavische Silvesterfest!

Zuerst allerdings hatten wir einen Tag Zeit, Stockholm zu erkunden. Wir waren eine bunt gemischte Truppe von Familien aus Schweden, Finnland, USA und Dänemark zwischen drei und 53 Jahren. Was lag da näher, als eine Rate-Rallye durch die Altstadt (die Gamla Stan) zu unternehmen? Aber erstmal wollten wir uns bei einem skandinavischen Brunch mit spektakulärer Aussicht stärken….

Cooler Blick, feine Speisen: Brunch im Kunstmuseum

Das Buffet erwartete uns im modernen Kunstmuseum (Moderna Museet) von Stockholm. Es liegt auf einem Hügel der Insel Skeppsholmen, westlich der Altstadt. Im Restaurant des Museums wurde ein Familienbuffet aufgetischt, an dem sich jeder nach Herzenslust bedienen konnte. Ohne eingelegten Hering geht in Schweden nichts, deshalb gab es davon gleich mehrere Varianten, dazu Salate, Schinken, Couscous, gegrillten Lachs, Hühnchen, Kartoffeln und Gemüse, Kuchen und rotweiße Minzbonbons. An langen Holztischen saßen wir vor der großen Fensterfront des Restaurants und genossen das Essen und den starken Kaffee. Herrlich war das! Wir blickten aufs Wasser hinaus (jedenfalls wenn wir gerade nichts zu reden hatten), schauten den Fährbooten nach und sahen am gegenüber liegenden Ufer das Schloss und die herrschaftlichen Häuser der Altstadt.

Stadt am und im Wasser

Kleiner Einwurf: Stockholm liegt auf 14 Inseln, verbunden durch 53 Brücken (genau danach fragte natürlich auch eine der Quizaufgaben unserer Rallye) und besteht zu 30 Prozent aus Wasser. Das spürten wir überall, wo wir unterwegs waren. Immer stießen wir irgendwann auf schwappendes, kaltes Wasser – mal im Hafenbecken, mal gesäumt von flachen Felsen und niedrigen Kiefern, so als wären wir plötzlich in Astrid Lindgrens Buch Saltkrokan gelandet.

Rallye durch Gamla Stan: Altstadt zum Verlieben

Nach dem Brunch hieß es: Raus in die Kälte und über die Brücke Richtung Altstadt. Aufgeteilt in multinationale Teams stromerten wir durch Stockholms mittelalterliches Herz, das uns unheimlich gut gefiel: schmale Straßen mit Kopfsteinpflaster, stattliche mehrgeschossige Bürgerhäuser, viele mit hohen Giebeln, romantische Plätze, zahlreiche kleine, liebevoll ausgestattete Läden, dazu das Stadtschloss der Königsfamilie. Ein Ort zum Wiederkommen. Bei frostigen Temperaturen und dämmerndem Licht beantworteten wir Quizfragen, stellten Ballettposen nach und warfen (sehr schlau) beim Steineschmeißen gleich auch einen Handschuh ins Hafenbecken. 

Name ist Programm: Aufwärmen im gemütlichen Café 

Als wir unsere Zehen kaum noch und die Fingerspitzen gar nicht mehr fühlten, retteten wir uns ins Cosy Café in der Gamla Stan. Dort warteten Pepparkakor und Glögg (für die Kinder heiße Schokolade) auf uns – herrlich. Glögg ist die schwedische Variante des Glühweins, aber mit mehr Weihnachtsgewürzen, kleingehackten Mandeln und Rosinen darin. Pepparkakor avancierte sofort zum Lieblingsgebäck unserer Tochter: leichte, schmale Pfefferkuchen, die auf der Zunge zergehen.

Fun Facts aus unserer Altstadt-Rallye

  • Im Hinterhof der finnischen Kirche wartet das Glück: Dort gibt es die kleinste Skulptur Stockholms, den „ Eisenjungen“ (Järnpojke). Der 15 Zentimeter kleine Knabe bringt Glück, wenn man ihn streichelt oder ihm etwas schenkt. (Wir setzten ihm eine FC-Bayern-Mütze auf.)
  • Etwas ganz Besonderes gibt es am pittoresken ehemaligen Marktplatz Stortorget mit seinen Postkartenhäusern. In der Fassade des Eckhauses zur Skomakargatan steckt eine Kanonenkugel, der Legende nach abgefeuert im Jahr 1521. Man muss schon wissen, dass es sie gibt, um nicht daran vorbei zu laufen. 
  • Eines der ältesten Restaurants der Stadt ist das Gyldene Freden (Goldener Friede) in der Österlånggatan aus dem Jahr 1722. Jeden Donnerstag treffen sich dort die Mitglieder des Literaturnobelpreis-Komitees zum Abendessen. (Hm. Oder trafen sich. Wir haben nicht herausgefunden, ob das auch in Zeiten der Krise so ist…) 
  • Das älteste Museum Schwedens befindet sich im Palast: die Rüstkammer. Sie enthält unter anderem das ausgestopfte Pferd von König Gustav Adolf aus dem 17. Jahrhundert. 
  • Noch ein Superlativ: Die schmalste (und sehr dunkle) Gasse der Altstadt heißt Mårten Trotzigs Gränd. Sie ist an der engsten Stelle gerade mal 90 Zentimeter breit und wurde nach einem deutschen Kaufmann benannt, der im 16. Jahrhundert nach Stockholm auswanderte – ein perfekter Platz für schicke Gruppenfotos.

Übers Wasser durch eine Märchenlandschaft

U-Bahnfahren, den Bus nehmen oder radeln – kann man schon machen, aber in Stockholm nimmt man auch gern mal die Fähre, um in der Stadt vorwärts zu kommen. Das taten auch wir, um am späten Nachmittag zu unserer Essens-Einladung zu Freunden zu gelangen. Die Fahrt über das kalte, stille Wasser wurde zu meinem persönlichen Stockholm-Highlight. Als wir an der Haltestelle Nybrokajen unweit der wunderschönen Licht-Elche einstiegen, war es schon wieder stockdunkel. Theoretisch jedenfalls, denn praktisch fuhren wir durch eine märchenhaft schön leuchtende Stadt. Die allermeisten Häuser waren mit Sternen, Schwibbögen und Lichterketten geschmückt – ebenso wie unsere Fähre. Ein absolut magischer Moment, da draußen im kalten Fahrtwind der Fähre zu stehen und Stockholm an uns vorüberziehen zu sehen.

Silvester – die Party

Ein Haus, viele Menschen, gutes Essen – unser Silvesterfest in Stockholm war ein lustiger, leckerer, langer Abend. Die schwierigste Frage für einige der Teilnehmerinnen war: Dürfen wir zum Kleid hochhackige Schuhe anziehen? In den meisten schwedischen Privathäusern zieht man nämlich seine Schuhe aus und diese Regel galt laut den Vermietern auch in unserem Haus… Das war es aber auch schon mit den Problemen, ansonsten verbrachten wir viele entspannte Stunden miteinander. Besonders wichtig: das Essen. Als Vorspeise gab es schwedische Delikatessen. Köstlich. 

Um Mitternacht erklommen wir einen Hügel hinter unserem Haus, freuten uns über das Feuerwerk ringsum und ließen selber chinesische Luftballons steigen. Happy New Year!

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